Und Gott schuf die Angst
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Und Gott schuf die Angst

„Und Gott schuf die Angst - Ein Psychogramm der arabischen Seele“

In seinem Buch „Und Gott schuf die Angst – Ein Psychogramm der arabischen Seele“ beschreibt der Hamburger Psychoanalytiker Dr. Burkhard Hofmann seine Arbeit für reiche wahhabitische Saudis. Wer bei diesem Satz nicht ins Grübeln oder Schmunzeln gerät, hat den Witz der Sache nicht ganz verstanden. Deshalb noch einmal: Strenggläubige wahhabitische Muslime mit einem mehr als festen Werte- und Weltbild suchen therapeutische Hilfe bei einer Methode, die auf den Atheisten und Juden Sigmund Freud zurückgeht. Allein dieses Kuriosum wäre eine Beschäftigung mit Hofmanns Buch wert.

Nach Freud liegen persönliche wie weltliche Probleme bekanntlich weniger am Unglauben oder einem Mangel an Gottesfurcht. In der Psychoanalyse geht es um mangelhafte Loslösung von den Eltern und damit um Infantilität und Narzissmus sowie um frustrierte sexuelle Bedürfnisse. Nur auf den ersten Blick ist es verwunderlich, warum Hofmann diese klassisch analytischen Probleme in der muslimischen Gesellschaft in besonderem Maße vorzufinden glaubt. Selbst wer sich bislang kaum mit dem Islam beschäftigt hat, wird – Willkommenskultur sei dank – inzwischen mitbekommen haben, dass es kaum eine Religion gibt, in der Sexualität eine zentralere Rolle spielt.

In auffallend vielen Offenbarungen Gottes an seinen Gesandten geht es um Sex. Genauer, um den Umgang mit Frauen und Jungfrauen aus der Bedürfnisperspektive von Männern – bezogen auf das Diesseits und das Jenseits. Da diese Empfehlungen direkt von Gott stammen, sind sie für die psychoanalytische Interpretation natürlich sakrosankt. Kämen sie dagegen schlichtweg von Männern aus dem 7. Jahrhundert, ergäbe sich eine Fülle psychologischer Deutungen.

Kernproblematik der saudischen Seele

Nun kann man sich beim Lesen von Hofmanns Buch nicht ganz des Eindrucks erwehren, der Autor könnte Zweifel an der Heiligkeit der Urheberschaft der islamischen Sexuallehre hegen. In Kapiteln wie „Tabuzone Körper – Sex im Reich von Tausendundeiner Nacht“ oder „Patchwork auf Arabisch – Fallgruben der Polygamie“ widmet sich Hofmann einer Kernproblematik der saudischen Seele.

Allem voran geht es jedoch im Kapitel „Das vergiftete Paradies – vom Verbot der Loslösung“ um eine nahezu unlösbare Bindung an Eltern, Familie und Religion – das Kardinalthema für jeden Psychoanalytiker. Der im Westen so hoch geschätzte Prozess der Individuation mit nachfolgender psychischer und intellektueller Selbstständigkeit gilt im Islam als Sünde und stellt eine Missachtung von Eltern und Familie dar:

„Im Westen sind Separation, Individuation, Unabhängigkeit ein selbstverständlicher Teil des kulturellen Curriculums, das wir in unserer Erziehung durchlaufen. Für viele Eltern gilt es als Ideal, am Ende der Erziehung unabhängige Menschen auf den Weg gebracht zu haben. Im besten Fall kehren die Kinder dann regelmäßig zurück, um die Beziehung zu den Eltern zu pflegen und ihre erinnerte Abhängigkeit in erlangter Autonomie zu genießen. Die Verhältnisse in Arabien, insbesondere bei den orientalisch geprägten Familien, sind andere. Ist die Welt im Westen gleichsam zweipolig, fehlt im Osten der Pol der Unabhängigkeit; das Erleben bleibt monopolar und wie in Kreisen um den Zentralpunkt der Familie angeordnet. Jede Entfernung von diesem Zentralpunkt in ein wirklich Eigenes ist von starken kulturellen und emotionalen Spannungen geprägt, die sich im Kardinalsymptom der Angst zeigen. […] Das Sich-Entfernen von der Herde ist unerwünscht und mit erheblichen Schuldgefühlen verbunden.“

Auseinandersetzung an sich ist ein Problem
Gleich zu Beginn seines Buches beeindruckt Hofmann mit einem Fallbeispiel:

„Ahmed H. hatte eine Kindheit voller väterlicher Grausamkeiten hinter sich gebracht. Die Mutter wurde vom Vater wegen unbegründeter Eifersucht regelmäßig körperlich misshandelt. Schon als kleiner Junge wurde er mit seinen jüngeren Schwestern Zeuge dieser seelischen und körperlichen Gewalt. Auch durch den Einfluss der Therapie konnte er, als der hochbetagte Vater die ebenso hochbetagte Mutter mit dem Gehstock wieder einmal grausig zugerichtet hatte, nicht mehr an sich halten. Nach sechzig Jahren Selbstkontrolle explodierte er, und all die ungesagten Sätze brachen sich Bahn. Dies geschah unter den Augen der Mutter und der herbei geeilten Schwester. Dass er keine Minute seiner Gegenwart als Kind genossen habe, rief er, dass er nur noch ein Ende dieses Martyriums herbeigesehnt habe und dass er nur wünschte, dass der Vater zurück zu den Verwandten nach Persien zöge.

Ahmed fühlte sich danach erst einmal erleichtert. Hatte er doch all diese Sätze in sich behalten müssen, um ein ‚guter Junge‘ zu sein. Schon während er den Vater anschrie, bat die Mutter ihn flehentlich, von ihm abzulassen. Anschließend brach ein Sturm der Entrüstung und Beschämung los. Allen voran vonseiten der Mutter, gefolgt vom Onkel und der restlichen Verwandtschaft, wurde Ahmed vorgehalten, er verhalte sich ungebührlich, habe dem Vater keinen Respekt gezollt und solle sich dringend entschuldigen. Die Taten des Vaters waren gar kein Thema mehr. Im Kern wurde ihm vorgeworfen, gegen die Gesetze des Islams verstoßen zu haben. In Sure 17 Al-Isra (Die Nachtreise) stehe doch, dass man gegen die Eltern, besonders, wenn sie alt geworden seien, noch nicht einmal den Seufzer ‚Uff‘ vorbringen solle. […]

Von den Eltern über die Familie zieht sich der rote Faden bis hin zum Staat und zur Religion: Der mangelnde Wunsch nach Auseinandersetzung ist frappierend, bis man versteht, dass der Akt der Auseinandersetzung an sich das Problem ist. Für eine Betrachtung meiner selbst und meiner Situation muss ich mich von mir selbst loslösen, mich wie von außen betrachten können. Dies gelingt nicht. Es wäre ein Akt der Freiheit. Dann könnte ich auch alles andere so betrachten. Dabei könnten aber Distanz und Entfremdung entstehen. Beides ist innerlich mit Strafe bewehrt.“

Vom Westen getriggerte Bedürfnisse

Nun müssen die innerpsychischen Sorgen und Nöte einer kleinen, superreichen saudi-arabischen Oberschicht deutsche Bürger nicht unbedingt interessieren. Doch das Beispiel von Ahmed H. lässt den Leser ahnen: Hofmanns Schilderungen könnten genau dort relevant werden, wo sich Implikationen bezüglich des Integrationsvermögens in die westliche Gesellschaft ergeben. Eben diese Ableitungen, im Kontext von Zuwanderung und Migration, stellen auch den allgegenwärtigen Subtext des Buches dar. Viele Fallbeispiele Hofmanns beziehen sich auf die schier unüberbrückbare Kluft zwischen allzu menschlichen und vom Westen getriggerten Bedürfnissen und rigorosen religiösen Idealen.

Bevor Hofmann erkennt, dass die muslimische Seele keine andere Wahl als Abspaltung hat, erlebt er seine neuen Klienten als naiv und bigott. Es werden zwar alle erdenklichen „Sünden“ begangen – allerdings zum Preis unsäglicher Ängste vor den zu erwartenden Höllenqualen. Schlaflosigkeit und der reichliche Gebrauch von Psychopharmaka sind daher keine Seltenheit. Da die muslimische Gesellschaft den Autonomieprozess einer im westlichen Sinne „erwachsenen Instanz“ erschwert, bleiben auch Hofmanns analytische Methoden, die in seiner Hamburger Praxis problemlos funktionieren, am Persischen Golf mühsam.

Nur sehr indirekt, vorsichtig und über Bande ist eine Infragestellung der Eltern überhaupt möglich. Die Hinterfragung oder Revision des Glaubens bleibt in der Regel gänzlich tabu. Diese für den Westen unverständliche Nibelungentreue zum Islam erklärt Hofmann unter anderem durch einen frühkindlichen Pathomechanismus: In den ersten entscheidenden Lebensjahren brauchen Kinder, um ein gesundes, selbstbewusstes Ich entwickeln zu können, unbedingt Zuwendung und positive Spiegelung durch ihre Eltern oder Bezugspersonen. Ein Umstand, auf den auch ich in meinen Vorträgen immer wieder hinweise. Sofern diese Spiegelung ausbleibt, kommt es zu mannigfaltigen Selbstwertstörungen, die lebenslang kompensiert werden müssen. Hofmann drückt es so aus:

„Es ist keine neue Erkenntnis, dass der Glanz im Auge der Mutter (und des Vaters) unser Schicksal bestimmt. Fehlt dieser, wird die Kränkung oder ihre Überkompensation seelischer Grundbaustein der Existenz.“

Vollverschleierte Mimik der Mütter

Nebenbei erwähnt Hofmann noch eine Problematik, die er in Saudi-Arabien kennengelernt hat. Die Vollverschleierung der Mütter in der Öffentlichkeit führt dazu, dass die Kinder keinerlei Spiegelung über die Mimik der Mütter empfangen können. Jegliches Feedback bleibt aus oder ist einzig auf die Stimme der Mütter beschränkt. Dies führt dazu, dass sich die Kinder selbstverständlich ihren unverschleierten Nannys zuwenden, der Kontakt zu den Müttern bleibt gestört. Viel wichtiger ist jedoch folgender Umstand: Offenbar ist es in der muslimischen Gesellschaft so, dass sich der Vater wenig um die Kinder kümmert – mit einer großen Ausnahme:

Wenn die Jungen fünf Jahre alt werden, geht der Vater mit ihnen in die Moschee und bringt den Kleinen das Beten bei. Während dieser Phase kommt es beim Kind zu einer Übertragung der unverbrüchlichen Elternliebe auf Gott. Ein offenbar gewollter und äußerst effektiver Mechanismus, der für Muslime lebenslange Bedeutung hat. Analytiker sprechen bei mangelnder Abnabelung von den Eltern von einem internalisierten „Eltern-Ich“, womit die verinnerlichten Stimmen der Eltern gemeint sind, die lange maßgebend sein können. In diesem Fall jedoch handelt es sich um ein „Göttliches-Super-Eltern-Ich“, eine allerhöchste Instanz, die fast nie mehr infrage gestellt werden kann:

„Es fehlt in Arabien so häufig die Reifung des Über-Ichs durch die Auseinandersetzung mit realen Elternfiguren, damit dies seine archaische Strenge verliert. Erst dadurch entsteht ein innerer Werte- und Regelapparat, der flexibel genug ist, den Anforderungen des Lebens gerecht zu werden, und gleichzeitig stark genug, dem Einzelnen Halt und Sicherheit zu verleihen. So wundert es nicht, wenn das ‚selbst kreierte Eltern-Ich‘ in Arabien eine Mesalliance mit den zeitgleich einverleibten religiösen Vorstellungen eingeht. Diese beginnen sich in einer Weise zu durchweben, dass sie ein auch therapeutisch unauflösliches Ganzes bilden. Die Verwurzelung religiöser, zumeist strenger Vorstellungen reicht also in die Phase kindlicher Verlassenheit und Verunsicherung zurück, und nur unter Schmerzen und Panik könnten diese Vorstellungen dort wieder ausgerissen werden. […]

Durch Gespräche mit vielen Männern am Golf kann ich bestätigen, dass diese Initiation in den Islam eine universelle, positive Erinnerung aus vielen Biografien ist. Durch die kulturelle Pflicht der Väter, diesen Teil der Erziehung zu übernehmen, gibt es jenen häufig kurzen Moment des innigen Kontakts. Dabei sind die Augen aber nicht aufeinander gerichtet, sondern parallel ins Nichts auf Allah. Schon bald ersetzt die Gottesvorstellung die konkrete Erfahrung der Intimität zwischen Sohn und Vater. Der Vater zeigt dem Sohn, wie man betet, und dann zieht er sich recht bald wieder aus der Erziehung zurück. Dem Sohn bleibt die Aufgabe, durch seine Religionsausübung und ein gottgefälliges Leben die verlorene Intimität wiederherzustellen. Das zwangsläufige Scheitern mündet wie in diesem Fall in Hass auf alle Andersdenkenden, besonders auf die Unbeschnittenen wie mich […]. Das System der Religion wird nicht infrage gestellt. Das wäre der Sündenfall, die Geburt der Erbsünde. Das ist kulturell nicht vorgesehen.“

Ein „Als ob“ konnte es nicht geben

Dieses „Gott-Eltern-Ich“ ist also der Grund für das von Hofmann immer wieder konstatierte, nicht mehr lösbare Band zwischen Ich und Islam. Das tagbewusste Ich hat sich derart komplett Gottes Regeln unterworfen, dass selbst spielerische Gedankenmodelle, die sogenannten „Als-ob-Rahmen“, mit denen Psychologen recht gern arbeiten, nicht mehr funktionieren. So schildert Hofmann den Fall einer Frau, die sich am liebsten scheiden lassen wollte, weil sie sich anderweitig verliebt hatte:

„Als ich ihr klarzumachen versuchte, dass es in diesem Fall vielleicht zwei Arten von Freiheit geben könnte, eine innere und eine äußere, wurde es für die Patientin noch schmerzhafter. Tränen tropften ihr auf die Hände, die für eine Hochzeit frisch mit Henna bemalt waren. ‚Aber ich muss den Gesetzen gehorchen. Das ist der Islam. Die Gesetze macht Allah.' Ich sagte ihr, dass die Unterwerfung unter Regeln, die auch für sie nicht den Islam repräsentieren, das eine sei. Das andere sei die Klugheit, sich in der Öffentlichkeit an diese vorerst zu halten. ‚Aber der Prophet sagt, wir müssen den Gesetzen gehorchen.' […] Ich hatte neben aller Frustration auch tiefes Mitleid mit der Unfähigkeit der Patientin, zu sich selbst auf Distanz zu gehen und sich wie von außen zu betrachten. Sie konnte keine ‚dritte Position‘ aufbauen, war dazu schlicht nicht in der Lage. Auch nicht spielerisch, selbst ein ‚Als ob‘ konnte es nicht geben – einen Platz, um im Geist etwas furchtlos durchzuspielen.“

Der alltägliche Streit über die Ursachen muslimischer Parallelgesellschaften wird in der Regel mit der typisch deutschen Hybris, Ignoranz und neurotischen Selbstbezichtigung geführt. Für sämtliche Verwerfungen an den Nahtstellen zur westlichen Gesellschaft sehen linksgrüne Willkommensbefürworter allein den Westen in der Bringschuld. Ohne das Mindestmaß an Kenntnis muslimischer Befindlichkeiten und Bedürfnisse wird kurzerhand gefordert, Deutschland müsse bessere Integrationsangebote machen. Hofmann gibt sich diesbezüglich keinen Illusionen hin:

Bedürfnis des muslimischen Weltverständnisses

„In all den Jahren meiner Tätigkeit am Golf musste ich lernen zu verstehen, dass ich trotz meiner religiösen Prägung nicht religiös bin. Jedenfalls nicht im Sinne eines Muslims. Für ihn ist der Glaube das Zentrum des Lebens. Alles dreht sich darum, alles wird danach bemessen. So ist, glaube ich, das tiefe Unverständnis, das wir für die Muslime haben, Ergebnis einer falschen Fortschreibung. Meine arabischen Patienten am Golf haben nicht nur einen Glauben, sie sind dieser Glaube. Der Glaube ist im Kern nicht relativierbar, so wie das für uns der Fall ist. Unser Streben, unsere Daseinsbestimmung unterliegen anderen Parametern: etwa der Individuation, die so ziemlich das Gegenteil von Unterwerfung ist, oder dem Freiheitsstreben, unserer Suche nach persönlichem Glück, besonders in Beziehungen, nach beruflichem Erfolg und schließlich einem hohen Maß an Konsum. […] Von einem gläubigen Muslim die Aufgabe seines Bezugspunktes zu verlangen wäre schlicht grausam. Was bliebe dann noch? – Ein entkernter Organismus ohne Struktur und Ziel.“

Nach Hofmann sind die politisch-naiven Forderungen nach Relativierung, Reform oder gar Aufgabe der muslimischen Unterwerfungskultur unter das Gesetz Gottes grausam und überheblich. Separation und Parallelgesellschaften sind demnach kein Versäumnis des Westens, sie entsprechen schlichtweg dem Bedürfnis des muslimischen Weltverständnisses. Angesichts der aktuellen Dimension muslimischer Migration gen Westen drängen sich aus der Perspektive der autochthonen Bürger dann allerdings zwei Fragen auf:

  1. Ist der Islam tatsächlich eine friedliebende, unpolitische, private Religion, und befindet sich das islamische Rechtsverständnis, die Scharia, im Einklang mit dem Grundgesetz?

  2. Werden Muslime im Westen im Hinblick auf die demografische Entwicklung stets eine kleine Minderheit bleiben?

In Demokratien entscheiden bekanntlich Mehrheiten über Machtverhältnisse. Sofern man obige Fragen in beiden Fällen verneint, stünden Deutschlands Demokratie und Freiheit in den nächsten Jahren vor sehr großen Herausforderungen. Nebenbei bemerkt: Integration hat natürlich auch immer etwas mit positiver nationaler Identifikation zu tun. Dass es diese in Deutschland weder gibt noch geben darf, scheint auf linksgrüner Seite niemanden zu interessieren. Doch welcher Zuwanderer möchte sich schon mit einem Land identifizieren, dessen einzig erlaubte Identifikation der Stolz darauf ist, sich der größten Schuld und Schande aller Zeiten zu erinnern?

Das Dilemma des Gastlandes

Angesichts meiner eigenen Bücher zum Thema musste ich früher oder später auf Hofmanns Arbeit stoßen. Bezüglich der unguten Trias aus Migration, Religion und Integration komme ich darin zu sehr ähnlichen Schlüssen. Als Nachfahre fundamentalreligiöser Flüchtlinge aus Bessarabien, dem heutigen Moldawien, die ihren Heimat- und Identitätsverlust durch Frömmigkeit, Separation und Selbst-Überhöhung kompensierten, beschäftige ich mich seit Jahren mit der Problematik. Ähnliches konstatiert auch Constantin Schreiber in seinem Bestseller „Inside Islam“.

Muslimische Migranten, insbesondere, wenn es sich dabei tatsächlich um traumatisierte Flüchtlinge handelt, suchen in ihrem Gastland keinen Psychologen oder Psychiater auf. Sie gehen in die Moschee und lassen sich dort von eingeflogenen, konservativen Imamen bepredigen, die vor den Versuchungen des verkommenen Westens warnen. Burkhard Hofmann beendet „Und Gott schuf die Angst“ daher mit ganz ähnlichen Schlüssen, die auch ich in „Die Wiedergutmacher“ gezogen habe:

„Dies stellt die Frage nach dem Umgang mit dem eigenen muslimischen Bevölkerungsanteil und damit auch den Flüchtlingen. Wie sollen wir mit dem explizit Fremden umgehen? Toleranz trifft dort auf Schwierigkeiten, wo sie auf das Überlegenheitsgefühl des Gastes, des Flüchtlings, trifft. Dieses Überlegenheitsgefühl ist unverzichtbarer Bestandteil des Islams bei aller Freundlichkeit, die den anderen Buchreligionen entgegengebracht wird. So sprechen die meisten meiner gläubigen Patienten intern nicht von einem Dialog der Religionen, den wir uns so sehr wünschen, sondern nennen diesen Dialog ‚Einladung‘. Das bedeutet, dass sie ihr nichtmuslimisches Gegenüber nicht auf Augenhöhe empfinden, sondern dieses bestenfalls missioniert werden muss. […]

Verlangen wir nichts Unmögliches

Die Religion ist für viele, besonders die traumatisierten Flüchtlinge, das Letzte, woran sie sich festhalten können. Von der Welt verlassen, wollen sie nicht auch noch gottverlassen sein. Es ist ihr letztes seelisches ‚piece de resistance‘. Der letzte Widerstand gegen eine Welt, die sie durch ihre gescheiterten Gesellschaften als Gescheiterte ausgestoßen hat. Die Relativierung der eigenen Religion würde den Heimatlosen noch die existenzielle Heimatlosigkeit abverlangen. Das ist zu viel. Ist der mit so viel Stolz gelebte Islam doch die letzte unverbrüchliche Quelle von Selbstwert, inmitten der Gewissheit einem defizitären System entflohen zu sein. Das ist unser Dilemma, das Dilemma des Gastlandes. Wir wollen ihnen diese letzte Quelle des Stolzes nicht nehmen. Zu herzlos wäre es, wenn wir behaupteten, dass der Islam neben vielem anderen auch eine Quelle des Scheiterns ist, weil er die Anpassung an die Moderne erschwert.

So bringen die Flüchtlinge eine Religiosität mit zu uns, die die Trennung von Kirche und Staat verbietet. Der Islam will ja auch weit mehr sein als ein Glaube, der sich nur im Privaten vollzieht. Von den Anfängen an hat der Islam sich um den öffentlichen Raum bemüht. Der Prophet selbst war schon vor seinen Offenbarungserfahrungen richterlich, also politisch tätig. Verlangen wir nichts Unmögliches, machen wir uns aber auch keine Illusionen über die Machbarkeit von Integration an Stellen, wo dies schlichte Realitätsverleugnung bedeutet. Der Glaube bleibt für den strenggläubigen Muslim auch in weltlichen Fragen letzte Autorität. Unsere Vorstellung der Trennung von Kirche, Glauben und Staat wird als defizitäre Position wahrgenommen. Aus dieser Perspektive betrachtet, gehört der Islam eben nicht zu Deutschland. Wir sollten nicht versuchen, uns kompatibler zu geben, als wir sein können und vielleicht auch wollen. Das Verleugnen des Trennenden hilft nicht bei der Wirklichkeitsbewältigung.“

Aus Sicht des allgegenwärtigen politisch korrekten Narrativs über den „friedliebenden Islam“, der „selbstverständlich zu Deutschland gehört“, ist „Und Gott schuf die Angst“ unangenehm und problematisch. Natürlich wurde Hofmanns wichtiger Debattenbeitrag deshalb auch in keinem nennenswerten Medium besprochen. Auch ich kann ein Lied davon singen: Das Totschweigen missliebiger Positionen gehört seitens der Medien mit „Haltung“ zur bevorzugten Methode der „Berichterstattung“. Mich hat es im Nachhinein fast ein wenig gewundert, dass dieses kluge, freigeistige und kritische Buch in einem etablierten Großverlag erschienen ist. Den Verantwortlichen, allen voran dem Autor, kann ich zu diesem unverschleierten Blick in die muslimische Seele nur gratulieren.

„Und Gott schuf die Angst – Ein Psychogramm der arabischen Seele“ von Dr. Burkhard Hofmann, 2018, München: Droemer Knaur.

***Dieser Artikel erschien zuerst auf Achgut.com***