Leseprobe „Vom Verlust der Freiheit“

Leseprobe „Vom Verlust der Freiheit“

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Homo hygienicus

[„Vom Verlust der Freiheit“, Seite 423ff]

In diesem Buch habe ich bereits darauf hingewiesen, dass sich Macht leichter organisieren und erhalten lässt, sofern man über die medialen Schlüsselpositionen verfügt, angsteinflößende Nachrichten zu verbreiten. Die Erzählung über einen unsichtbaren, zersetzenden Feind, der jederzeit und überall zuschlagen kann, hat sich besonders bewährt. SARS-CoV-2 kann in einem Arbeitskollegen lauern oder sogar in einem liebsten Angehörigen. Insbesondere das Postulat des »symptomlos Kranken«, der als Superspreader alle anderen gefährdet, führt zum gesellschaftlichen Argwohn und zu einer kompletten Beweislastumkehrung. Oder wie es ein Facebook-Post ausdrückte: »Haste doch auf der Pressekonferenz gehört. Die Gefährlichkeit des Virus besteht darin, nicht zu erkranken.« Im Kampf gegen den unsichtbaren Feind sind alle Menschen nicht potenziell gesund, sondern potenziell krank. Jeder Mensch ist ein noch nicht überprüfter Verdachtsfall und potenzieller Gefährder und muss über tagesaktuelle Feststellungen oder Impfungen seine Unschuld beweisen. Tut er dies nicht, sind Aussonderung und Restriktion zulässige Notwehrmaßnahmen der Gesellschaft.

»Wenn der Mensch zu seinem eigenen Feind postuliert wird, dann wird das Leben sinnlos. Weil es immer Krieg bedeutet. […] Da hier [im Kampf gegen COVID] keine Waffen mehr von Nutzen sind, um einen Feind zu bekämpfen, stellen wir uns vor, seine Trockenlegung wäre mit dem Entzug des Menschen vollbracht. […] Und die einzige Reaktion, die uns bleibt, uns zu schützen ist, die Übertragung auf andere Menschen zu unterbinden? Also dem Menschen den Menschen zu nehmen? Einen Keil zwischen die Menschen zu rammen? Über Wochen hinweg? Monate? Alle und alles stillzulegen? Menschen zu spalten, sie zu polarisieren ist Teil jeder Kriegs- bzw. Herrschaftsrhetorik.« (335)

Die Perfidität im Schüren von Infektionsangst besteht gerade darin, dem Menschen durch die »Schutzmaßnahmen« sein natürliches Beruhigungsmittel gegen Angst zu nehmen: soziale Nähe. Hermetischer kann ein Gefängnis kaum sein. Unverkennbar handelt es sich beim »Kampf« gegen das Virus oder »Kampf« gegen das Klima um Kriegsrhetorik. Erst vor dem Hintergrund, dass im Krieg alle Maßnahmen legitim sind, um einen unsichtbaren Feind zu besiegen, werden die bisweilen inhumanen Corona-Schutzgesetze verständlich. Dabei darf man nicht vergessen – in realen Kriegen ist sogar Suizid ein probates Mittel, um nicht in die Hände des Feindes zu geraten. Die dauerhafte Alarmierung der Gesellschaft gegen einen unsichtbaren Feind führt schlussendlich zur Umkehr aller humanen Werte. Nur Distanz, Argwohn, Denunziation und übertriebene Hygiene bieten einen gewissen Schutz vor dem Grauen. So wird aus dem »Homo humanus« der »Homo hygienicus«:

»Der Bildungsphilosoph Matthias Burchardt hat die Transformation zu einem neuen Menschentypus analysiert, der dem ›virologischen Imperativ‹ folgt. Das Gebot ›Liebe deinen Nächsten‹ hat sich seit dem Lockdown zu ›Fürchte deinen Nächsten‹ gewandelt, bedauert Burchardt. Schockbilder, Todesdrohungen und Kurvendiagramme führen den ›Homo hygienicus‹ zu erwünschtem Verhalten. Immaterielle Werte wie Nähe und Menschlichkeit hingegen werden über Bord geworfen. Eine Neugeburt mit dramatischen Folgen für unsere Gesellschaft, warnt Burchardt. ›Kontrolle und Steuerung widersprechen dem Geist der humanistisch aufklärerischen Demokratien. Die Körperlosigkeit und Enträumlichung des sozialen Lebens missachten die leibliche Existenz des Menschen und seine Angewiesenheit auf Nähe und Berührung.‹« (336)

Philosophen wie Matthias Burchardt oder Historiker wie Yuval Noah Harari sind überzeugt davon, dass Corona, vor allen anderen Krisen, zu einem Freiheitsverlust ungeahnten Ausmaßes führen könnte. Zunächst gilt es festzuhalten, dass die heiß diskutierte Frage, ob es sich bei Corona tatsächlich um ein besonders gefährliches Virus oder lediglich um eine weitere Grippe handelt, für den freiheitsbedrohenden Mechanismus keine Rolle mehr spielt. Viele Menschen glauben immer noch, Corona sei eine einmalige Sache und spätestens mit der Herstellung eines Impfstoffs vorbei. Doch nicht allein die Aussagen von Bill Gates machen deutlich, dass der Umgang mit Corona einen neuen globalen Workflow etabliert hat, der sich nicht mehr zurückdrehen lässt. Der Geist, den man mit dem Narrativ globaler Killerviren beschworen hat, will für die nächsten Jahrzehnte nicht mehr zurück in die Flasche. Der neue Automatismus besteht aus folgenden Komponenten:

» Dem Postulat weiterer gefährlicher Viren (oder deren Mutationen), mit denen die Menschheit in immer kürzeren Abständen konfrontiert werden wird.

» Dem Glauben, mithilfe von PCR-Tests »Infektionen« dieser neuen Viren nachweisen zu können.

» Der Behauptung, es gäbe »symptomlos Kranke«, die als Superspreader jederzeit andere anstecken können.

» Der Etablierung neuer WHO-Pandemierichtlinien, die es erlauben, allein aufgrund von Laborergebnissen Pandemien auszurufen.

» Dem neuen WHO-Axiom, es gäbe keine natürliche Herdenimmunität und allein Massenimpfungen seien gegen Virusepidemien hilfreich.

» Der synchronen, globalen Gleichschaltung (Lock Step) nationaler Maßnahmen zur Pandemieabwehr, koordiniert über die WHO und den IWF.

So sicher wie das Amen in der Kirche werden auf SARS-CoV-2 die Nummer 3, 4 und 5 folgen. Oder MERS 1, 2, oder 3. Freiheraus kündigt der Chefvirologe der Kanzlerin Cristian Drosten schon im November 2020 die nächsten Pandemiekandidaten an:

»›Wenn der Rummel jetzt vorbei ist, dann werde ich mit einer kleinen Arbeitsgruppe ein neues Thema aufbauen‹, sagte Drosten im Gespräch mit dem Wirtschaftsmagazin ›Capital‹. Im Zentrum seiner Forschung sollen dann nicht mehr die aktuellen Coronaviren (Sars-Cov2) stehen, sondern die Mers-Viren. Dieser Virenstamm hätte laut dem Charité-Virologen das Potenzial, der ›nächste Pandemiekandidat‹ zu werden.« (337)

Für die WHO, Cristian Drosten, Klaus Schwab, Ursula von der Leyen und Bill Gates steht eine Zukunft voller Pandemien fest, allein schon wegen der Klimaerwärmung. So erklärt Dr. Mike Ryan, Leiter des WHO-Notfallprogramms:

»Dies ist ein Weckruf. Wir lernen jetzt, wie wir Dinge besser machen können: Wissenschaft, Logistik, Training und Governance, wie wir besser kommunizieren können. Aber der Planet ist zerbrechlich. […] Wir leben in einer zunehmend komplexen globalen Gesellschaft. Diese Bedrohungen werden weiter bestehen. Wenn es eine Sache gibt, die wir aus dieser Pandemie mit all den Tragödien und Verlusten mitnehmen müssen, dann ist es, dass wir uns zusammenreißen müssen. […] Das wahrscheinliche Szenario ist, dass das Virus zu einem weiteren endemischen Virus wird, das eine gewisse Bedrohung bleiben wird.« (338)

Zum angekündigten Endlosreigen zukünftiger Pandemien schreibt die Schweizer Analytikerin Jeannette Fischer:

»Dieses Virus taucht ab, und das nächste wird auftauchen. Die Aufrüstung dagegen hat begonnen, und neue Wirtschaftszweige werden aufleben. Um nun vorgreifende Maßnahmen gegen eine nächste anstehende Pandemie zu erheben, braucht es Applikationen und Impfungen, so die gängigen Annahmen. Alles wird bereitgestellt, ein ganzer Industriezweig aus der Taufe gehoben, eine Art Rüstungsindustrie, verlegt ins Gesundheitswesen. Es werden kriegsvorbereitende Maßnahmen getroffen, um ihn zu verhindern. Zum Schutze aller, die wir potenzielle Opfer eines Angriffes sein werden. Die ganze Rüstungsindustrie ist zu unserem Schutze da. So wird sie legitimiert. Ist ein Krieg je durch seine Vorbereitung verhindert worden? Nein, dazu bräuchte es einen Paradigmenwechsel.« (339)

Mit dem Gewahrwerden von SARS-CoV-2 glaubt man, das Monster aus der Tiefe erkannt zu haben. Die nachfolgende Kriegserklärung ist jedoch keineswegs an ein einzelnes Virus gerichtet, sie gilt einer ganzen Gattung. Völlig im mechanistischen Silicon-Valley-Denken verhaftet, hat der Mensch vergessen, dass er selbst ein Holobiont ist. Denn ohne die dauerhafte Anwesenheit von Viren, Bakterien und »Erregern« würde der Organismus sofort sterben. Wovor der Mensch wirklich Angst haben sollte, wäre seine Sterilität. Ohne die vielen Kilos körperfremder Biomasse, bestehend aus Milliarden Mikroben und Viren zwischen und in den Zellen, wäre der Organismus überhaupt nicht lebensfähig. Der menschliche Körper ist mitnichten »steril«. Körperfremde Kleinstlebewesen, eingeschlossen in einen Sack namens Haut, sorgen täglich für ein lebensnotweniges Sub-Klima im Körperinneren, das der Mensch mit seinen eigenen Zellen gar nicht herstellen kann. Um sich evolutionär adäquat entwickeln zu können, ist der Holobiont auf einen ständigen genetischen Austausch mit Viren angewiesen. Hierbei gilt: Das Primärziel von Viren ist nicht, Menschen zu töten. Sofern Viren ausnahmsweise bei jungen Menschen tödlich wirken, handelt es sich bei ihrem Design eher um Startschwierigkeiten, die von der Natur schnell ausgebügelt werden. Mutationen haben zwei Primärziele: bessere Übertragbarkeit und bessere Verträglichkeit. Lässt man das Virus lernen, entwickelt sich schnell Herdenimmunität, wobei Viren in der Regel weniger pathogen werden. Wäre dies anders, müsste die Menschheit längst ausgestorben sein. Inzwischen wurde seitens der Pharmaindustrie, die aktiv Filme wie »Contagion« und »Outbreak« unterstützt, ein ganz anderes Narrativ befeuert. Bei dieser Bill-Gates-Erzählung können einzig weltweite wiederholte Impfkampagnen die Menschheit retten. Herdenimmunität auf natürlichem Wege sowie Präventionsmaßnahmen durch gesunde Lebensweise und guten Vitaminstatus wird geleugnet.

Ebenfalls vergessen hat der moderne Mensch, was Altwerden und Sterben bedeutet. Maßgeblich für das, was wir gemeinhin Gesundheit nennen, ist ein Gleichgewichtszustand des offenen, dynamischen Systems des Holobionten. Diese Homöostase wird aufrechterhalten, indem jedwede Entgleisung in Richtung zu viel oder zu wenig über komplexe Regelkreise überwacht wird. Eine wichtige Wächterinstanz ist die sogenannte Immunabwehr, ein komplexes System aus Blutzellen, Botenstoffen, Proteinen und chemischen Substanzen. Diese Immunabwehr achtet darauf, dass tausende Körperzellen, die sich tagtäglich in Krebszellen verwandeln, sofort bekämpft und aufgelöst werden. Dieselbe Körperabwehr achtet auch darauf, dass 99,9 Prozent aller »Keime«, mit denen der Holobiont konfrontiert wird, nicht zum Ausbruch einer Krankheit führen. Warum sterben viele alte Menschen ausgerechnet an Krebs oder Infektionen? Sie sterben nicht daran, weil alte Menschen größeren Triggern ausgesetzt wären, kanzerogene Stoffe toxischer wirken oder Erreger infektiöser. Die Antwort ist banal: Sie sterben an Krebs oder Infektionen, weil ihre Körperabwehr mit ihnen gealtert ist. Wenn man sich die Körperabwehr als eine Art Feuerwehr vorstellt, so hätten die Feuerwehrleute alter Menschen Arthritis und die Feuerwehrautos einen Platten. Und wenn es dann mal wieder brennt (Krebs entsteht oder eine Grippewelle naht), kommt die Feuerwehr zu spät und der Brand kann sich unkontrolliert ausbreiten. Das ist der wahre Grund, warum der Löwenanteil der »Corona-Toten« über 82 Jahre alt ist. Ganz offensichtlich hat die Natur gewollt, dass Holobionten sterben. Alte Wesen gehen letztendlich daran zugrunde, weil ihre Feuerwehren den Dienst irgendwann ganz einstellen. Egal, wie laut die Alarmsirenen dröhnen – die alten tauben Feuerwehrmänner bleiben einfach auf ihren Pritschen liegen und die kaputten Feuerwehrautos bleiben in der Garage. Wie man den alten Feuerwehrmännern hilft, möglichst lange fit zu bleiben und motiviert einige Jahre länger zu arbeiten, ist das Tagesgeschäft von ganzheitlicher Medizin und Erfahrungsheilkunde. Mit flächendeckendem Einsatz von Antibiotika, Virostatika, Kortison und Massenimpfungen schickt man die alte Abwehrtruppe jedenfalls noch früher in Rente. Wundern sollte einen dieser Widersinn eigentlich nicht. Ein System, das nur dann Geld verdient, wenn Menschen chronisch krank sind, wird Gesundheit nicht wirklich fördern. So würde allein die ausreichende Versorgung mit Vitamin D3, Vitamin C und weiterer Elemente für wenige Eurocent die alte Feuerwehrtruppe etliche Jahre länger arbeiten lassen. Doch ausgerechnet hier gibt es »Experten-Empfehlungen« seitens der Pharmaindustrie, die »zum Verbraucherschutz« nur lächerlich geringe Tagesdosierungen zulassen. Dabei wird nicht allein die sinnvolle Gabe hoher Vitamin-D-Dosen seitens mächtiger Lobbygruppen verhindert. Nachdem Prof. Winfried Stöcker im Alleingang den vielversprechenden und nahezu nebenwirkungsfreien Corona-Antigen Impfstoff entwickelte, wurde er sofort verklagt. Oder: Als sich herausstellt, dass Ivermectin, eigentlich ein gut verträgliches Mittel gegen Fadenwürmer, höchst präventive Eigenschaften gegen Corona aufweisen könnte, werden die Forschungen dazu systematisch behindert. Stattdessen wird in den Seniorenheimen der äußerst belastende mRNA-Impfstoff eingesetzt. Nebenbei bemerkt: Eine derartige Impfung bedeutet für den Körper dieselbe Herausforderung wie eine Infektion. Nur wenn genügend Baustoffe für die Kraftwerke der Zellen, die Mitochondrien, vorhanden sind, ist eine derartige Impfung überhaupt sinnvoll. Insbesondere bei einem Mangel an D-Vitaminen können gealterte Abwehrzellen überhaupt nicht adäquat auf eine Impfung reagieren. Alte Menschen sind diesbezüglich derart verarmt, dass eine Impfung kaum zur Immunisierung führen kann. 90-jähige Menschen im Seniorenheim, die jeden Tag dampfgegarte Nahrung essen müssen und höchst selten die Sonne sehen, mit einer mRNA-Impfspritze zu malträtieren, anstatt ihnen Vitamincocktails zu verabreichen, ist dumm und grob fahrlässig. Bezüglich der naturgewollten Alterungsprozesse kann man sich echauffieren, man kann darüber wütend sein oder man kann sie ganz verleugnen. Dann erklärt man den Viren den Krieg, und wie bei jeder Kriegserklärung wird man immer neue Feinde entdecken. So erwartet der »Biodiversitätsrat« (IPBES) in naher Zukunft eine wahre Virenplage:

»›Ohne Präventionsmaßnahmen treten Pandemien häufiger auf, breiten sich schneller aus, töten mehr Menschen und beeinflussen die Weltwirtschaft mit verheerenderen Auswirkungen als je zuvor.‹ Was klingt wie ein Horror-Szenario könnte nach Angabe der Experten Realität werden. Sie sehen einen fatalen Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung und dem Ausbruch von Pandemien. […] In Zukunft werden Krankheitserreger häufiger von Wildtieren auf den Menschen überspringen. Grund dafür sei, dass der Mensch immer stärker in entlegene Gebiete vordringe, die von Wildtieren bewohnt werden. […] In Tieren gibt es schätzungsweise nach Angaben der Wissenschaftler 1,7 Millionen noch nicht entdeckte Viren. Und zumindest die Hälfte davon sei für den Menschen potenziell eine Bedrohung. Das bedeutet: Mit bis zu 850 000 Viren können sich demzufolge Menschen infizieren.« (340)

Im Krieg gegen »850 000 bedrohliche Viren« wird die Menschheit laut Harari vor zwei Alternativen gestellt, beide Optionen wurden bereits bei SARS-CoV-2 sichtbar: Entweder es drohen immer wieder neue suizidale Lockdowns mit Sozialentzug, Massenarbeitslosigkeit und bitterer Armut – oder die Menschen stimmen ihrer eigenen totalen Überwachung zu, damit »Infektionsketten effektiv nachverfolgt werden können«. […]

Krisenkult

[„Vom Verlust der Freiheit“, Seite 474ff]

»Zivilisationen werden nicht ermordet, sondern begehen Selbstmord.«

ARNOLD J. TOYNBEE

[…] Industrialisierung, Kapitalakkumulation, moderne Medizin und Urbanisierung führten dazu, leibliche Nöte wie Hunger, Kälte und Krankheit so weit aus dem Leben zu verbannen, dass die Erfahrbarkeit von Endlichkeit und Tod immer abstrakter wurde. Zudem wurden Krankheit und Sterben industrialisiert, der Tod wurde zunehmend unsichtbar. Die Bedeutung der Kirchen, als Orte der Angstbefriedung, wurde schwächer. Kulturbildende Elemente und Institutionen lösten sich nach und nach auf. Trotzdem blieb die der Seele immanente Todesangst erhalten. Diese prinzipiell ungreifbare Angst hat sich neue Projektionsflächen gesucht. Schaut man sich die zeitgenössischen, apokalyptischen Narrative an stellt man unweigerlich fest, dass es immer um sehr kleine, unsichtbare Dinge mit großer Wirkung geht. Egal ob Corona- oder Klimakrise – den eigentlichen Feind kann man nicht sehen. Ursächlich für den Weltuntergang sind winzige Strukturen, diesmal von den Hohepriestern der Neuzeit verkündet. Doch auch an die tödliche Wirkung von Viren oder CO2-Molekülen muss man glauben. Nur über ausgeklügelte technische Detektoren, mathematische Formeln und wissenschaftliche Theorien lassen sich die Feinde der Neuzeit entlarven. Natürlich braucht auch die säkulare Ersatzkultur Schamanen und Tempel, um die bösen Geister zu bezähmen. Um Armageddon 2.0 aufzuhalten, sind ganze Industrien entstanden, und Klimatologen avancierten zu den Kardinälen der neuen Religion. Doch mit dem Auftauchen des Pandemiekultes hat der Klimakult Konkurrenz bekommen. Verständlicherweise wehren sich die alten Priester gegen ihre drohende Arbeitslosigkeit. Man beeilt sich zu erklären, dass die alten und die neuen Geister gemeinsam bekämpft werden müssen, daher sollte man sich zu einer Ökumene zusammenschließen. Christian Drosten und Hans Joachim Schellnhuber werden zukünftig gemeinsam die Messe lesen.  Vollends überflüssig werden Schamanen natürlich dann, wenn eine Kultur einen Paradigmenwechsel erlebt und sich die bösen Geister als Chimären herausstellen, mehr dazu gleich. Auf jeden Fall behalten beide neuzeitlichen Kulte ihren archaischen Charakter, denn die eigentlichen Gefahren bleiben geisterhaft, flüchtig und verschlagen. Deshalb konnten Corona-Pandemie und Klimakrise in kürzester Zeit neokultische Handlungen entwickeln, die zwar im wissenschaftlichen Gewand daherkommen, in Wahrheit aber klassische Krisenkult-Handlungen sind:

»Ein Krisenkult ist ein Kult, der in einer Krise entsteht. Meist handelt es sich um völlig verzweifelte und irrationale Handlungen. Mit Krisenkulten soll das Unmögliche Realität werden. […] Krisenkulte bringen Hoffnung in einer Zeit der Hoffnungslosigkeit. Die Kulte enden mit katastrophalen Folgen für die bereits Leidgeprüften. Der letzte Funke Hoffnung wird zerschlagen – die betroffenen Ethnien resignieren. […] ›Ich [Weston La Barre] prägte den einfachen Begriff ›Krisenkult‹ sowohl wegen seiner Kürze als auch wegen seiner Unentschlossenheit mit der Absicht, damit einfach die Erkenntnis Malinowskis zu transportieren, dass es ohne Krise keinen Kult geben kann. Das heißt, es muss ein ungelöstes Problem oder eine Krise geben – chronisch oder akut – das mit gewöhnlichen säkularen Mitteln nicht gelöst wurde, bevor ein Kult entstehen kann.‹« (382)

Eben dies ist der modernen Gesellschaft bislang nicht gelungen – ausschließlich mit säkularen Mitteln zeitgenössische Krisen zu lösen. Vielleicht ist es allein deshalb nicht gelungen, weil Menschen ganz einfach keine ausschließlich rationalen Wesen sind. Seelische Nöte lassen sich nicht allein mit Logik befrieden. Auch vermeintlich säkulare Gesellschaften laufen Gefahr, in das regressive »magische Denken« zurückzufallen, sobald sie unter Druck geraten. SARS-CoV-2 wird unbemerkt übertagen. CO2 sieht und riecht man nicht. Allein ein atmender Mensch trägt gleich beide böse Geister in die Welt – also Obacht! Nur wer auf der Hut ist und die unsichtbaren Gefahren mitdenkt, hat eine Chance zu überleben. Ähnlich wie beim zwangsgestörten Detektiv Monk, der fortwährend seine Hände desinfiziert und dennoch jeden Gegenstand antippen muss, um nicht verrückt zu werden, stoßen auch neokultische Handlungen an ihre Grenzen. Maskentragen, Hände waschen, Selbstisolation, Impfung, Binnen-I benutzen, Tofu essen, Ökostrom-Abo, E-Auto fahren und Diversitätsbeschwörungen, all das wird am Ende nicht reichen. Nur wenige Menschen verstehen, dass neurotisches, magisches Denken stets inflationär ist, daher muss ständig nachgelegt werden. Im Kampf gegen das Klima entdeckt man plötzlich, dass die einstmals gepriesenen E-Autos aufgrund ihrer Batterien so schwer werden, dass die Feinstaubbelastung sogar noch zunehmen könnte. Der Abrieb von Reifen und Bremsen könnte zu erhöhten Belastungen führen. In Stuttgart diskutiert man deshalb Fahrverbote für E-Autos in den Innerstädten. Blaue OP-Masken gegen SARS-CoV-2 reichen plötzlich nicht mehr, um das Übel abzuwehren; inzwischen müssen es FFP2-Masken sein. Kurz darauf folgt eine Diskussion über Doppelmasken, zwei Masken übereinander sollen noch besser schützen. Danach folgt eine Debatte, dass Bartträger die Gesellschaft in besonderer Weise gefährden. Der Spiegel titelt: »Bartträger Benjamin Maack fragt sich: Schulden wir der Gesellschaft eine Rasur?« (383) Der Spiegel kommt zu dem Ergebnis, selbstverständlich ja! Was mag danach kommen? Da sich Keime in Haaren besser halten als auf glatter Haut, wäre es konsequent, wenn sich alle Menschen kahlscheren würden, auch Frauen. Nasen-Abstriche zum Nachweis von SARS-CoV-2 werden neuerdings für weniger präzise gehalten als Abstriche aus dem Rektum. Sollten die Schnelltests auf Flughäfen und vor anderen Einrichtungen nicht sicherheitshalber im Analbereich vorgenommen werden? Früher oder später entwickeln Krisenkulte immer radikalere Lösungen: Um das Böse endgültig abzuwehren, muss schlussendlich alles Bestehende sterben. Nur das reinigende Feuer, ein radikaler Neuanfang – oder im Neusprech: »The great Reset« – kann die Menschheit noch retten. Eben dies ist die Grundidee des sozialistischen Neubeginns: ausradieren und neu aufbauen. Wie eingangs geschrieben – mit diesem Ansatz entlarvt sich Sozialismus als kultische Ersatzreligion. Deshalb ist es sicher kein Zufall, dass eine säkulare Gesellschaft ohne Gott, die in einen archaischen Krisenmodus zurückgefallen ist, über Institutionen wie den WEF und im Schulterschluss mit China den sozialistischen Neuanfang preist. […]

[Ende der Leseprobe]

335 Multipolar, »Das Virus und unsere Projektion«, Jeannette Fischer,
12.06.2020
336 WDR, »Der Homo Hygienicus – Matthias Burchardt«, 16.10.2020
337 RND, »Drosten: Mers-Virus könnte ›nächster Kandidat‹ für eine
Pandemie sein«, 23.11.2020
338 The Guardian, »WHO warns Covid-19 pandemic is ›not necessarily the
big one‹«, 29.12.2020
339 Multipolar, »Das Virus und unsere Projektion«, Jeannette Fischer, 12.06.2020
340 Merkur.de, »Corona nur der Anfang? Experten mit düsterer Prognose«,
04.11.2020
382 Wikipedia, Krisenkult
383 Spiegel, »Bitte nicht den Bart!«, 31.01.2021

Vom Verlust der Freiheit
Klimakrise, Migrationskrise, Coronakrise

520 Seiten gebunden mit Schutzumschlag
24,00 € (D) | 24,70 € (A)
ISBN 978-3-95890-343-2