Corona: Die Angst geht um
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Corona: Die Angst geht um

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„Je größer die Angst, desto eher nimmt man Unfeinheiten in Kauf. Dies ist die Methode aller totalitärer Staaten.“

(Raphael Bonelli, Psychiater und Neurowissenschaftler an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien, „Unvermeidliches Massensterben oder reine Panikmache?“)

Wie auch immer man zu der Genese von Corona stehen mag, eines scheint für mich unstrittig zu sein: Die Corona-Krise hat einen kollektiven Angstprozess gestartet, der uns noch lange beschäftigen wird. In meinem letzten Buch „Die Wiedergutmacher“ beschrieb ich die kollektive Grundstimmung der Gesellschaft vor der Krise. Lange vor Corona hatten sich die Projektionen einer linksgrünen Medienelite verstärkt und rückgekoppelt. Schon damals führten politische Korrektheit und Hypermoral auf den Politikfeldern Gender, Zuwanderung und Klima zu einer starken Polarisierung der Gesellschaft. Eine von humanistischer Universalisierung getragene Medienwelt hatte sich im Schulterschluss mit der Regierung in immer kürzerer Taktung in den Clustern „Kampf gegen rechts“ und „Kampf gegen Klimaerwärmung“ hochgeschaukelt. Beide Themen beschworen Urängste großen Ausmaßes, denn wen lässt schon die erneute Machtübernahme der Nazis oder der baldige Hitzekollaps kalt? Wie Douglas Murray in seinem Werk „Wahnsinn der Massen“ eindrucksvoll beschreibt, konnten kosmopolitische, linksgrüne Machteliten über die Instrumente Gender-Studies und Klimakampf bürgerliche Gewissheiten nachhaltig abräumen. Identität, Geschlechterrollen, Nationalität, soziokulturelle Geborgenheit und religiöse Sinngewissheiten wurden dekonstruiert. Viele westliche Gesellschaften sind über konsequente Schuld-, Moral- und Klimadebatten atomisiert und entwurzelt worden. Spätestens seit der sogenannten Flüchtlingskrise von 2015 gab es daher kaum noch nennenswerte Widersprüche gegen eklatante Verfassungsbrüche. Dass eine Bundeskanzlerin eine aus ihrer Sicht unliebsame Ministerpräsidentenwahl kurzerhand für ungültig erklärten konnte, wurde angesichts der „großen Gefahr“ sogar für notwendig erachtet und begrüßt.

Verunsicherte Babyboomer?

Eine Kernthese meines letzten Buches lautet, dass mit den Babyboomern eine Generation an der politischen und medialen Macht ist, die aufgrund des transgenerationalen Kriegstraumas kaum noch verantwortungsethisch handeln kann. Selbstinfragestellung und Verunsicherung sorgen für einen erhöhten Konformitätsdruck – einfache, gesinnungsethische Konzepte des „Gutseins“ sind die Folge (siehe auch: „Warum das transgenerationale Kriegstrauma die deutsche Gesellschaft spaltet“). Dabei sind alle infantilen Reaktionsmuster, die ich bezüglich der Politikfelder Zuwanderung, Klima und „Kampf gegen rechts“ beschrieben habe, nichts gegen die Prozesse im Zusammenhang mit Corona. Auch hier geht es vor allem um Angst. Und natürlich es geht um die Frage der Resilienz gegen Angst. Welche Charaktere sind erwachsen genug, um angesichts einer realen oder vermeintlichen Bedrohung die unbedingt nötige Instanz der Rationalität zu halten? Es gehört zum kleinen Einmaleins der Psychologie, dass sich Angst und Ratio ausschließen. Sobald unser Gehirn eine große Bedrohung wahrnimmt, kann man unter der gegebenen Hormonlage nicht mehr klar denken. Kommunikationsforscher weisen darauf hin, dass eine Nachricht allein durch ständige Wiederholung in Bild und Wort das Gefühl von Gewissheit generiert. Allerdings implodiert eine kritische Instanz zur Botschaft vollends, wenn der ständig wiederholte Begriff, in diesem Fall Corona, zugleich eine große Gefahr darstellt. Ist erst einmal die innerpsychische Angstrepräsentanz angeschaltet, versagt die kritische Hinterfragung vollends. Dabei gilt: Je mehr man gelernt hat, mit seinen Ängsten umzugehen, desto eher wird man das logische Denken halten können. Kindern gelingt dies bekanntlich weitaus schlechter als Erwachsenen. Daher sind alle kollektiven Prozesse, die zur Infantilisierung großer Gesellschaftsteile führen, wie das von mir beschriebene Transtrauma oder die von Psychiater Hans Joachim Maaz beschriebene „Normopathie“, sehr entscheidende Faktoren im Umgang mit Krisen.     

Abgesehen von einem Krieg gibt es für eine Gesellschaft nur wenige Gefahren, die sich bedrohlicher anfühlen als ein Killervirus. Ein unsichtbares Virus triggert die menschlichen Urängste weitaus stärker als der im direkten Vergleich doch recht abstrakte Klimakollaps. Ein Virus rangiert in der Angstskala irgendwo zwischen atomarer Strahlung und geruchlosem Giftgas. Was sich bereits in der Klimadebatte abzeichnete, kommt nun vollends zum Tragen. Menschen, die sich unmittelbar bedroht fühlen, können nicht mehr tolerant sein. Was vorher noch der „Klima-Leugner“ war mit seinem Diesel-SUV und seinen Flugreisen, ist jetzt umso mehr der „Corona-Leugner“, der eine tödliche Seuche durch seine Ignoranz weiterträgt. Fritz Goergen von Tichys Einblick schreibt mir in einer persönlichen E-Mail dazu:

„In der Coronafrage kreuzen sich zwei unüberwindliche Trennlinien von Meinungen klarer als sonst: Die eine trennt Leute mit und ohne persönliche Angst vor Krankheit und solche mit dem unbestechlichen Blick für die Freiheitsfolgen.“ 

Freiheit oder Leben?

Sofern die persönliche Angstrepräsentanz zu Corona gezündet hat, empfindet man nahezu jede Freiheitsbeschränkung der Bunderegierung als akzeptabel. Zudem wird man jede Kritik an der Unfreiheit und jedes relativierende Argument zur Krankheit als große Bedrohung wahrnehmen. Ich weiß dies, da ich diese Perspektive durchaus nachvollziehen kann. Da ich selbst zur Risikogruppe gehöre, habe ich auch einige Zeit gebraucht, um mir ein einigermaßen ausgewogenes Bild zu machen. In diesem Essay möchte ich jedoch nicht mehr die Frage der Gefährlichkeit des Virus untersuchen, sondern auf die Gefahren der Kollateralschäden eingehen. Denn wie in jeder Krise ist eine verantwortungsethische Abwägung aller Gefahren geboten. Das alleinige Starren auf das Virus, wie das Kaninchen vor der Schlange, wird kaum zur Problemlösung beitragen. Mahnend und folgerichtig schreibt der Deutsche Ethikrat zur Corona-Krise daher:

„Der ethische Grundkonflikt erfordert die Abwägung des erhofften Nutzens einer Strategie körperlicher Distanz für die dauerhaft belastbare Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems mit den befürchteten oder unmittelbaren Schäden für die politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Lebenslage derjenigen Personen oder Personengruppen, die von dieser Strategie unmittelbar oder mittelbar betroffen sind. Solche Abwägungen, die immer auch Nützlichkeitserwägungen einschließen, sind ethisch einerseits unabdingbar, andererseits nur insofern zulässig, als sie keine Grund- und Menschenrechte oder weitere fundamentale Güter auf Dauer aushöhlen oder sogar zerstören. Auch der gebotene Schutz menschlichen Lebens gilt nicht absolut. Ihm dürfen nicht alle anderen Freiheits- und Partizipationsrechte sowie Wirtschafts-, Sozial- und Kulturrechte bedingungslos nach- bzw. untergeordnet werden. Ein allgemeines Lebensrisiko ist von jedem zu akzeptieren.“ (Der Deutsche Ethikrat zur Corona-Krise)

Man kann nur hoffen, dass sich Bundes- und Länderregierungen alsbald besinnen und den Empfehlungen des Ethikrates folgen. Fragen zur Freiheit, insbesondere der schleichende Rückbau vieler Errungenschaften in den Bereichen Medien, Kunst und Kultur, waren schon immer Gegenstand meiner Betrachtungen. Dass jedoch im Angstmodus von Corona über Nacht und ohne parlamentarische Debatte ein Notstandsgesetz verabschiedet wurde, das sämtliche Grundrechte kassiert, hätte ich mir in meinen kühnsten Albträumen nicht vorstellen können: Seit dem 28. März 2020 gilt ein neues Gesetz zur „Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten“. Alle Landesregierungen sind ab sofort ermächtigt, die Grundrechte der Freiheit der Person (Artikel 2 Abs. 2 Satz 2 Grundgesetz), der Freizügigkeit (Artikel 11 Abs. 1 Grundgesetz), der Versammlungsfreiheit (Artikel 8 Grundgesetz), der Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel 13 Abs. 1 Grundgesetz) und des Brief- und Postgeheimnisses (Artikel 10 Grundgesetz) einzuschränken. Mit anderen Worten: De facto leben wir derzeit in einem totalitären Staat ohne Bürgerrechte. Selbst Demonstrationen gegen diese Notverordnung sind verboten und werden rigoros unterbunden.

Trotzdem fühlen sich viele Menschen keineswegs durch die Notstandsgesetze bedroht. Die Angst vor Corona überscheibt die Gefahren des Freiheitsverlustes bei Weitem. Auf den Gedanken, eine Regierung könnte ihre totalen Möglichkeiten ausnutzen, um im Zuge der Corona-Krise eine längst geplante Agenda durchzuziehen, kommt man allenfalls bei Ungarn oder Polen. Dabei gäbe es auch hierzulande gute Gründe zur Wachsamkeit. Beispielweise waren die Regelungen zum Asylgesetz vielen linksgrünen Politikern schon immer ein Dorn im Auge, da aus ihrer Sicht viel zu restriktiv. Natürlich wurde de facto fast niemand mehr abgeschoben, der bereits im Land war. In der Realität wurde das Asylgesetz schon lange zur Migration missbraucht. Dennoch missfiel es vielen Politkern der SPD, Linken und Grünen sehr, das formaljuristisch immer noch weit über 90 Prozent der Asylanträge abgelehnt wurden. Dank Corona wurde diese leidige Tatsache nun kurzerhand abgeschafft. Obgleich die innerstaatlichen Grenzen für deutsche Bürger derzeit neu errichtet werden, sind die Außengrenzen so offen wie nie. Das Beste: Dank Corona darf jeder, der das Wort Asyl ausspricht, nicht nur ins Land – er wird sogar ohne jede Prüfung anerkannt. Am 7. April 2020 teilte ein Sprecher des BAMF lapidar mit:

„Das Bundesamt ist sich bewusst, dass es auf Grund der Corona-Pandemie und der zur Verhinderung einer weiteren Verbreitung ergriffenen Maßnahmen schwierig sein kann, eine Rechtsberatung oder anwaltliche Vertretung in Anspruch zu nehmen. Daher hat das Bundesamt in Abstimmung mit dem Bundesinnenminister und den Bundesländern entsprechend reagiert und wird jedenfalls bis auf Weiteres ablehnende Bescheide nicht zustellen.“ (Tichys Einblick, „Asylbewerber erhalten bis auf Weiteres keine ablehnenden Bescheide“)

Offene Außengrenzen – harte Kontrollen im Inland

„[Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein] Daniel Günther hat nun versprochen, dass die Grenzkontrollen aufrechterhalten werden. Grenzkontrollen – nach Dänemark? Schengenraum, EU, beste Freunde? Keine Sorge, diese Grenzen sind nicht gemeint. Günther und seine Kanzlerin haben durchgesetzt, dass Einreisende zum Beispiel aus Äthiopien, Irak, Iran, Gambia, Senegal, Afghanistan und anderen Ländern weiterhin ungehindert einreisen dürfen. Für angebliche Asylbewerber gelten Günthers Grenzkontrollen nicht. Im Gegenteil. Wer Asyl sagt, ist sakrosankt: Keine Corona-Kontrolle, keine Passkontrolle, keine Überprüfung des Asylgrundes – Asyl wird automatisch erteilt und damit freie Einreise für jeden, der dieses Wort aussprechen kann, inklusive späterem Familiennachzug, auch frei; Unterhalt geht auf Kosten des Staates. Nein, solche Grenzkontrollen meint Günther nicht.  Günther meint die Grenzen zum Stadtstaat Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern.“ (Tichys Einblick, „Die Folgen von Corona: Einwanderung und Kleinstaaterei gleichzeitig“)

Als Besitzer eines kleinen Grundstücks in Mecklenburg-Vorpommern bin ich direkt von den rigorosen inländischen Reiseverboten betroffen. Am 24. März 2020 veröffentlichte ich daher folgenden Post auf Facebook:

„Da ich es immer noch nicht glauben konnte, auf welcher Rechtsgrundlage mir die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern das Betreten meines eigenen Grundstücks verweigert, habe ich soeben mit dem zuständigen Landkreis Rostock telefoniert. Obgleich ich erklärte, dass ich aufgrund der Ausnahmeregelung § 4, Absatz 5c „Personen, die ihrer erwerbsmäßigen bzw. selbständigen Tätigkeit in Mecklenburg-Vorpommern nachgehen“ eigentlich fahren dürfte (als selbstständiger Künstler und Autor arbeite ich natürlich auch auf meinem eigenen Grundstück), wurde mir unmissverständlich klargemacht, dass ich mit Berliner Autokennzeichen und Erstwohnsitz in Berlin von der Polizei angehalten und umgehend zurückgeschickt würde. Grenzschutz in Ostdeutschland funktioniert …“

Die Schriftstellerin Monika Maron, mit der ich auf Facebook befreundet bin, reagiert auf meinen Post und erklärt ihrerseits, dass sie ebenfalls mehrfach aufgefordert wurde, ihr Häuschen in MV zu verlassen. Nach einigem Hin und Her gipfelte das Ganze für sie in einem unfassbaren Bescheid einer sogenannten „Ausreiseverfügung“. Frau Maron habe „das Bundeslandesland Mecklenburg-Vorpommern bis zum 9. April 8 Uhr zu verlassen“. Zudem habe ein etwaiger Widerspruch keinerlei aufschiebende Wirkung, sondern werde eine umgehende Strafanzeige nach sich ziehen. Frau Maron lebt seit Wochen ohne jegliche Symptome, völlig gesund und isoliert in ihrem Häuschen und gefährdet niemanden. Allerdings würde es für Sie ein Risiko darstellen, mit fast 80 Jahren zurück in die Berliner Großstadt fahren zu müssen. Das Pikante an der Regelung: Mecklenburger Bürger können absurderweise ohne jede Beschränkung nach Lübeck, Hamburg oder Berlin reisen und selbstverständlich auch wieder zurück. Die Polizei an den eigens dafür eingerichteten Straßensperren setzt die Aus- bzw. Einreiseverpflichtung nämlich nur für „Gebietsfremde“ um. So schnell wird zwischen eigenen und fremden Leuten unterschieden. Und so schnell entlarvt sich das Gerede vom vereinten Europa und einer One-World als hohle Phrase.

Neid und Missgunst

Die Unlogik der Maßnahmen lässt allerdings den Verdacht aufkommen, dass es hier keineswegs ausschließlich um eine effektive Pandemiebekämpfung geht. Der Journalist Roland Tichy ist möglicherweise auf der richtigen Spur, wenn er Neid und Missgunst als Motiv vermutet:

„Wie ihr [Monika Maron] geht es Hunderten Berlinern. Sie werden in die enge Großstadt gezwungen, zwecks Seuchenbekämpfung. Nun gibt es vielleicht auch andere Gründe. Könnte es sein, dass die SPD-geführte Landesregierung endlich einen Weg gefunden hat, um Zweitwohnungsbesitzern heimzuleuchten? Es soll doch jeder nur ein Zimmer haben im neuen deutschen Sozialismus, denn das schafft Platz für die Neidgefühle der Sozialisten. Der Pandemiebekämpfung ist es nicht dienlich, wenn Ferienwohnungen leer stehen und dichtbesiedelte Städte überfüllt bleiben.“ (Tichys Einblick, „Folgen von Corona: Einwanderung und Kleinstaaterei gleichzeitig“)

Dass Roland Tichy mit seiner Neidvermutung goldrichtig liegen könnte, zeigen auch die Kommentare zu der öffentlichen Debatte, die ich mit Monika Maron auf Facebook geführt habe. Eine Karin S. kommentierte unseren Post:

„‚Some animals are more equal than others.‘ George Orwell. Viele Menschen können sich gar keine Zweitwohnung oder ein Ferienhaus in Deutschlands Urlaubsgebieten leisten und sind gezwungen, die Coronakrise in den Mietskasernen der Großstädte auszusitzen. Alle Urlauber wurden zurecht zurückgepfiffen, damit sich das Virus nicht weiter ausbreitet, aber Deutschlands privilegierte Bürger finden doch immer ein Schlupfloch, um die drastischen Maßnahmen zu umgehen. […] Mir gehen verlogene, kleinkarierte Spießer auf die Nerven, die nichts anderes als ihren Egoismus verteidigen. Solche Leute reißen nur dann das Maul auf, wenn es sie selbst betrifft. […] Diese selbstgefälligen, elitären Künstler sind alles mögliche, nur nicht systemrelevant.“

Ein Bernd W. fragte daraufhin Karin S.:

„Ihr kleinlicher Klassenkampf ist also wichtiger als den Abbau demokratischer Rechte zu hinterfragen? SED-Wählerin?“

Die Kommentare sprechen für sich und zeigen, wie aufgeladen die Debatte inzwischen ist. Längst hat die Gesellschaft von einem relativ toleranten Zustand in einen Gewaltraum umgeschaltet. Angst bringt immer das denkbar Schlechteste im Menschen zur Blüte. Scheinbar noch lustig anmutende Phänomene, wie das unsolidarische Horten von Klopapier, sind erst der Anfang. Inzwischen greifen Mecklenburger und Schleswig-Holsteiner Bürger zum Telefon, sobald sie ein verdächtiges Auto mit Berliner oder Hamburger Kennzeichen sehen. Hat dieser Mensch etwa die Einreisebeschränkungen missachtet? Trägt der fremde Fahrer die Pest ins Land? Meldungen über Vandalismus machen die Runde:

„Fremde Autos werden mit Steinen beworfen, der Lack zerkratzt, Menschen bei der Polizei angeschwärzt. […] Hass und Gewalt treffen vor allem Leute mit auswärtigen Kennzeichen. Dass darunter viele Einwohner sind, die einfach nur einen Dienstwagen mit einem Kennzeichen aus einer anderen Stadt fahren, hält Unbelehrbare nicht vor den gewalttätigen Übergriffen ab. Aus Angst Opfer zu werden, haben sich einige Menschen Schilder in ihre Autos geklebt. ‚Rüganer im Dienstwagen‘ oder ‚ICH BIN KEIN URLAUBER‘ steht auf den Zetteln, die gut sichtbar in Auto liegen. Eine Hotel-Angestellte, deren Dienstwagen ein Berliner Kennzeichen hat, berichtet in der ‚Bild‘-Zeitung: ‚Ich wurde zuletzt mehrfach, besonders von Rentnern, am heruntergelassenen Autofenster angepöbelt. Sie riefen: Verpissen Sie sich, scheiß Touristen, ihr bringt uns den Virus hier her!‘“ (RTL, „Gewalt gegen mutmaßliche Touristen an der Ostsee“)

Schluss mit lustig

Menschen, denen man ihre bürgerlichen Freiheitsrechte nimmt, suchen sich Ventile zur Ableitung ihrer Wut. Disziplin und Selbstkasteiung bilden Argwohn und Denunziantentum aus. Welcher Nachbar nimmt sich mehr Freiheitsrechte heraus als man selbst? Wer Angst hat, für den ist Schluss mit lustig. Und wer selbst nichts mehr zu lachen hat, will auch nicht, dass andere noch Spaß haben. So gibt es in Bayern eine neue Verordnung, die zukünftig sogar das Motoradfahren verbietet. Dabei ist Motorradfahren, allein an frischer Luft mit einem Helm auf dem Kopf, bezüglich der Ansteckungsgefahr so ziemlich die unbedenklichste Beschäftigung, die man sich vorstellen kann. Trotzdem soll das Motorradfahren verboten werden, und zwar aufgrund einer bemerkenswerten Argumentation:

„Wir brauchen alle Kräfte im Kampf gegen das Virus. Wir müssen Rettungswesen und die Krankenhäuser soweit wie möglich entlasten […] Belassen Sie es bei kurzen Fahrten in die Arbeit oder zum Einkaufen.“ (ntv, „Polizei will Motorrad-Ausflüge während Corona-Krise ahnden“)

Nun muss man ehrlicherweise sagen, dass die Zeiten, in denen man das Motorrad brauchte, um damit zur Arbeit oder zum Einkaufen zu fahren, seit den 1960er-Jahren vorbei sind. Motorradfahren ist ein reiner Freizeitsport, man macht es aus Spaß an der Freude. Eben dies soll nicht mehr sein. Schließlich ist Deutschland im Krieg. Da hat man keinen Spaß mehr auf dem Motorrad zu haben. Und Mindestabstand hin oder her – man liegt auch nicht einfach in der Sonne oder sitzt lässig auf einer Parkbank. Die fadenscheinige Begründung für das Motorradverbot, es sei zu risikoreich, müsste man ansonsten konsequenterweise weiterspinnen. Wenn Motorradfahren in der Corona-Krise zu gefährlich ist, wie ist es dann mit Gartenarbeit? Baumschnitt mit der Motorsäge? Verboten! Renovierungsarbeiten auf der Leiter? Nicht in Corona-Zeiten! Um das Gesundheitssystem zu entlasten, müsste der Staat dringend noch weitere Verordnungen erlassen. Fettes Essen, Zucker, Rauchen, Alkohol? Auf keinen Fall in der Corona-Krise! Alle Menschen, die jetzt nicht rigoros auf ihre Gesundheit achten, sind eine Gefahr für die Allgemeinheit. Denn wer jetzt noch aus reinem Egoismus und Fahrlässigkeit einen Herzinfarkt riskiert, tötet einen 85-jährigen Corona-Patienten, der ansonsten hätte gerettet werden können. Wer so argumentiert, müsste alle Bürger eigentlich dazu verpflichten, rund um die Uhr ein Fitnessarmband zu tragen, das alle biometrischen Daten umgehend an das Robert Koch-Institut sendet. Eine lächerliche Idee? Keineswegs. Zum Glück ist dieses Verfahren derzeit noch freiwillig: „Mit Daten von Fitnessarmbändern und Smartwatches mehr über die Verbreitung des Coronavirus erfahren“.

Der Wiener Neurowissenschaftler und Psychiater Raphael Bonelli analysierte einen Zeitungsartikel, der einem Tribunal gleichkommt und der vor Hypermoral und Denunziantentum nur so strotzt. Das Vergehen: Vier junge Männer hatten sich trotz Ausgangssperre in einem Tennisklub Pizza bestellt und Musik gehört („Wenn sich Medien zu Moralapostel erheben und uns manipulieren“). Der Wirtschaftsprofessor Philipp Bagus beschreibt in einem persönlichen Bericht sein derzeitiges Leben in Madrid:

„Seit Sonntag, dem 14. März, herrscht Ausgangssperre, die mit Polizeigewalt durchgesetzt wird. Fahrradfahrer und Jogger, die sich an frischer Luft fit halten wollten, erhielten vielfach empfindliche Geldbußen. Selbst im privaten Garten unserer Appartmentblocks dürfen wir uns nicht mehr aufhalten, auch wenn die Familien sich mit der Nutzung abwechseln. In anderen Worten: Wir dürfen unseren eigenen Garten nicht mehr benutzen. Die meisten Menschen scheint es wenig zu stören, wie der Staat ihre Freiheit verletzt. Sie stellen seine Autorität, unsere Freiheit einzuschränken, gar nicht in Frage. Vielmehr denunzieren sie jene, die sich frei bewegen und von ihren Eigentumsrechten Gebrauch machen wollen.“ (Ludwig von Mises Institut: „Der Weg zur Knechtschaft hat eine Abkürzung und sie heißt Angst“)

Versammlung ist nicht gleich Versammlung

Wen diese schrecklichen Phänomene umtreiben, der wird sicher versuchen, auf die eine oder andere Weise dagegen zu demonstrieren. Gesundheitsschutz ist wichtig, doch dafür in einem totalitären Gewaltraum zu leben, ist absurd. Denn: Alle oben beschriebenen Prozesse machen ebenfalls krank. Gesundheit und Freiheit sind keine Antipoden, sie bedingen sich. Es wird keine Gesundheit in Unfreiheit geben. Deshalb hat es in Berlin ein mutiges Grüppchen von ca. 40 Menschen am 4. April gewagt, für die Einhaltung des Grundgesetzes ebenso einzutreten wie für den Gesundheitsschutz. Unter dem Motto: „Nicht ohne uns! – Die Demonstration, die nicht sein darf“ wollten die Demonstranten, unter Einhaltung der neu verordneten Hygiene-Maßnahmen (Mundschutz und Mindestabstand von 1,5 Metern), auf die besondere Bedeutung der ersten 20 Artikel des Grundgesetzes aufmerksam machen. Die Polizei rückte unverzüglich mit mehreren Mannschaftswagen an und verfolgte die Demonstrierenden rigoros, es hagelte Strafanzeigen. Begründung: Es sei gegen das geltende Versammlungsverbot nach dem neuen Seuchengesetz verstoßen worden. Vier Kilometer Luftlinie entfernt und zur selben Zeit trafen sich ca. 300 muslimische junge Männer in der Flughafenstraße vor der Dar-Assalam-Moschee. Man stand eng zusammen, filmte das freudige Ereignis des öffentlichen Muezzin-Rufes, herzte und umarmte sich. Mundschutz? Mindestabstand? Versammlungsverbot? Niemanden interessierte dies, auch nicht die Berliner Polizei. Im Gegensatz zu den Leuten am Rosa-Luxemburg-Platz, die verschämt ein Büchlein mit dem Grundgesetz in die Höhe hielten, passierte den Koran-Anhängern gar nichts. Es wurden weder die Personalien aufgenommen noch Anzeigen geschrieben.

Nun unterstellt man den Deutschen allgemein eine duldsame und gehorsame Seele. Brav lösen die Deutschen ein Ticket für den öffentlichen Nahverkehr, zahlen die Parkgebühr und die Steuern. Denn an Regeln, die der Staat verfügt hat, hält man sich. Gerade deshalb gibt es allerdings eine Sache, bei der die Deutschen so überhaupt keinen Spaß verstehen: Diese Regeln gelten für alle. Wenn es etwas gibt, das der deutsche Michel ganz und gar nicht verträgt, dann dies: wenn mit zweierlei Maß gemessen wird. Politiker wären daher gut beraten, wenn sie den sozialen Sprengstoff jedweder Ungleichbehandlung ernst nehmen würden. Wie unter einem Brennglas werden in der Corona-Krise nämlich mannigfaltige Ungereimtheiten sichtbar. Dazu gehören die offenen Außengrenzen bei gleichzeitigem Reiseverbot für deutsche Bürger, aber auch der liberale Umgang mit der muslimischen Bevölkerung, im Gegensatz zu den autochthonen Bürgern. Viele Berliner in den einschlägigen Stadtteilen warten jedenfalls gespannt auf die Zeit des Ramadans. Sofern nach dem 24. April die Versammlungsgebote weiterhin gelten, müsste die Berliner Polizei nämlich hundertfach einschreiten. Doch möglicherweise hat der Berliner Bürgermeister Müller auch ein Einsehen mit seinen Beamten und erspart ihnen den Gesichtsverlust. Etliche Beobachter würde es jedenfalls nicht wundern, wenn gerade noch rechtzeitig vor dem Ramadan alle Versammlungsverbote wieder gelockert werden.