Die Demokratie schafft sich ab
Bild von Raymond Unger

Die Demokratie schafft sich ab

Gespräch mit dem Künstler und Buchautor Raymond Unger über das transgenerationale Kriegstrauma der Deutschen und die hierzulande um sich greifende Gesinnungsethik.

Smart Investor: Herr Unger, wodurch wurde Ihr Interesse an der Politik geweckt und was ließ Sie zu einem Autor politisch höchst relevanter Bücher werden?

Unger: Ursprünglich ging es in meinen Büchern um Authentizität, Kreativität und echtes Erwachsenwerden. Doch nach der sogenannten Flüchtlingskrise von 2015 wurde mir bewusst, dass alle individualpsychologischen Probleme kollektive und damit politische Bedeutung haben. Es gibt eine formal politische Freiheit, die in einer offenen Gesellschaft eigentlich garantiert sein sollte, sowie eine innerpsychische. Das Problem ist: Die eine Freiheit bedingt die andere. Verunsicherte Individuen können nichts zur Sicherung und Ausgestaltung freier Gesellschaften beitragen. Im Gegenteil – als Konformisten laufen sie Gefahr, paternalistischen Mustern zu folgen. Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz spricht von „Normopathie“, wenn große Gesellschaftsteile von infantilen Charakteren getragen werden.

Smart Investor: Obwohl Ihre Bücher quer zum Zeitgeist liegen, bekommen sie von den Lesern durch die Bank eine hervorragende Resonanz. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Unger: Meine Sprache wird offenbar als ehrlich, unakademisch und wenig taktisch wahrgenommen. Neben der Sachebene thematisiere ich meine persönliche Irritation bezüglich gesellschaftlicher Verwerfungen. In Zeiten von Gender und politischer Korrektheit ist dies eher selten. Gerade in der Berliner Kulturszene gibt es nur noch eine „richtige Meinung“. Alle großen Erzählungen sind absolut gesetzt und gelten als alternativlos: Eurorettung, Nullzinspolitik, Europäische Union, Kampf gegen CO2, Multikulturalismus … Doch wenn man keine Alternativen hat, die man wählen kann, braucht man auch nicht mehr wählen gehen. Anders gesagt: Die Demokratie schafft sich ab.

Smart Investor: Erklären Sie unseren Lesern doch einmal, was ein „transgenerationales Kriegstrauma“ ist und warum die „Kriegsenkel“ davon anscheinend sogar stärker betroffen sind als die Kriegskinder.

Unger: Beim transgenerationalen Kriegstrauma geht es um die Weitergabe von zumeist unbewussten psychischen Traumata der Kriegskind- an die nachfolgende Generation, die Babyboomer. Betroffene Babyboomer gaben sich vor einigen Jahren selbst die Bezeichnung „Kriegsenkel“. Meistens war der Kriegskindgeneration ihr eigenes Kriegstrauma kaum bewusst. Da das Leid vieler Deutscher so verbreitet war, entstand bei der Betroffenen-Generation eine große Relativierung im Anerkenntnis der psychischen Dimension. Die Nachkriegszeit, mit Wirtschaftswunder, Arbeitssucht, exzessivem Alkohol- und Tabakgenuss, aber auch intensiven Hobbys, sorgte zudem für eine gehörige Portion Ablenkung.

Smart Investor: Sie führen den Begriff der „toxischen Scham“ ein. Was ist der qualitative Unterschied zu normalen Scham- bzw. Schuldgefühlen und wie wirkt sich das aus?

Unger: Der Begriff geht auf den USPsychologen John Bradshaw zurück. „Toxische Scham“ entsteht, wenn sich Kinder aufgrund einer distanzierten Beziehung seitens ihrer Eltern abgelehnt und wenig geliebt fühlen. Als die Kriegskindgeneration in den 1960er- und 1970er-Jahren selbst Kinder hatte, war sie oftmals gezwungen, zu ihren Kindern emotionalen Abstand zu halten, denn emotionale Nähe hätte womöglich eine Retraumatisierung bedeutet. Emotionale Zuwendung und die Spiegelung des Okayseins, welche die Babyboomergeneration gebraucht hätte, um ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln, blieb vielfach aus. Da Kinder ein komplett egozentrisches Weltbild haben, beziehen sie den Mangel an Zuwendung auf sich. Sie gelangen zu der Überzeugung, wenig liebenswert zu sein. Im Gegensatz zu Schuldgefühlen, die sich lediglich auf ein falsches Verhalten beziehen und daher über Reue und Sühne korrigierbar sind, wird „toxische Scham“ zu einem festen Wesenszug. Man hat dann nichts Falsches getan, man ist falsch.

Smart Investor: Was mittlerweile ja auch zunehmend als „toxisch“ apostrophiert wird, ist die Männlichkeit. Sehen Sie da einen Zusammenhang zu den Kriegstraumata?

Unger: Gerade Jungs sind auf die Spiegelung männlicher Narrative angewiesen. Sie brauchen eine zugewandte, starke Vaterfigur. Sofern der Vater abwesend war, real oder psychisch, entwickeln junge Männer einen Überhang an weiblichen Narrativen, da ihre Weltsicht nur über die Mutter gespiegelt wurde. Übermäßig feminine Narrative von Gleichheit, Umverteilung und Gerechtigkeit sind für eine Verantwortungsethik in den Bereichen Migrations-, Finanz- und Klimapolitik eher ungeeignet. Etwas zynisch könnte man sagen: Deutschland braucht auf diesen Feldern mehr „toxische Männlichkeit“. Männliche Archetypen, Durchsetzungsvermögen, Verantwortungsübernahme für die Zukunft, nüchterne Analyse von Zielkonflikten sind bei vielen Babyboomern unterentwickelt.

Smart Investor: Diese Kriegsenkel wollen sich nun die Liebe der Welt erkaufen, indem sie um jeden Preis „gute Menschen“ sind? Ist das auch die Ursache des deutschen „Rettungswahns“ in Sachen Euro, Migration und Klima?

Unger: Es ist wichtig, zu verstehen, dass toxische Scham, das Gefühl des Nichtokayseins, irgendwann umschlägt. Transaktionsanalytiker würden sagen, die Selbsteinschätzung von „Ich bin nicht okay“ wird zu einem „Ich bin besser als du“. Dieser Umschlag führt zu einer narzisstischen Persönlichkeit, die sich über andere stellt. Scham kann effektiv abgeleitet werden, wenn man andere zuerst beschämt. Politische Korrektheit ist ein Machtinstrument, mit dem dies in hervorragender Weise gelingt. Man koppelt die eigene Meinung an Moral und setzt das Gegenüber ins Minus. In den drei großen Erzählungen Euro, Migration, Klima kommt die Technik besonders zum Tragen.

Smart Investor: Nun wird Deutschland weder die Bevölkerungsentwicklung in Afrika noch das Weltklima nennenswert beeinflussen. Geht mit der Traumatisierung auch eine Unfähigkeit zu (Selbst-)Reflexion und rationaler Analyse einher?

Unger: Absolut. Die eigene Erzählung des „Gutseins“ ist eine psychische Notwendigkeit narzisstisch gestörter Persönlichkeiten. Der Abgleich mit harten Fakten bedroht diese Notwendigkeit. Gesinnungsethik und Hypermoral sind gerade deshalb so praktisch, weil man über die Folgen des Handelns nicht mehr nachdenken muss. Es zählt nur noch die „richtige Haltung“ im „Kampf “. Kampf gegen Rechts, gegen CO2, gegen Kapitalismus, gegen „toxische Männer“ …

Smart Investor: Ist vielleicht sogar die Selbstzerstörung ein unterbewusster Versuch, „toxische Schuld“ abzutragen?

Unger: Narzisstische Grandiosität ist oft gepaart mit infantilem Selbsthass. Selbstwertgestörte Persönlichkeiten bilden ihre Identität aus der unguten Mischung von Schuld und Stolz; daraus entsteht Schuldstolz. Das Ego saugt Honig aus dem eigenen Defizit, indem es sich ostentativ zu übermäßiger Schuld bekennt. In diesem Fall kann es großen Zuspruch erwarten für seine „Kraft“ und den „Mut“, die übergroße Schuld anzuerkennen. Dies funktioniert auch auf kollektiver Ebene. Die nationale Identitätsbildung ist ebenfalls nur als Negation erlaubt.

Smart Investor: Wenn wir Ihre These richtig verstehen, ist diese Gesinnungsethik hierzulande so extrem, weil das Ausmaß des deutschen Kriegstraumas so groß war. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund ähnliche Tendenzen in Schweden oder in den USA, namentlich an US-Hochschulen?

Unger: Nicht nur Deutschland, sondern viele westliche Nationen sind von politischer Korrektheit und Schuldnarrativen beherrscht. Die Selbstzerstörung westlicher Gesellschaften ist multifaktoriell bedingt, und mein Ansatz ist lediglich ein weiterer Debattenbeitrag. Zu Recht äußern andere Autoren den Verdacht, dass die großen zeitgenössischen Verwerfungen im Zusammenhang mit der Säkularisierung stehen. Auf Deutschland bezogen halte ich den Transtrauma-Mechanismus dennoch für wichtig, weil er die spezifisch deutsche Übersteuerung des Gutseins beleuchtet. Deutschlands Besonderung ist erklärungsbedürftig. Mit dem besten Führungspersonal, das die Babyboomergeneration hervorbringen konnte – Heiko Maas, Peter Altmaier, Robert Habeck, Anton Hofreiter, Annegret Kramp-Karrenbauer, Annalena Baerbock, Katrin Göring-Eckardt und Claudia Roth – geriert sich Deutschland als moralische Supermacht.

Smart Investor: Hand aufs Herz: Kann die Ratio in gesellschaftlichen Zukunftsfragen überhaupt noch einmal die Oberhand gewinnen, oder steht das gute Argument angesichts tief sitzender Schuldgefühle dauerhaft auf verlorenem Posten?

Unger: Ich fürchte, eine kollektive Inventur und Umkehr wird nach gleichem Muster ablaufen wie auf der individualpsychologischen Ebene: Narzissten lassen sich kaum über intellektuelle Einsichten korrigieren, sondern allenfalls nach schmerzhaften Lebenskrisen. Nach ersten Straßenkämpfen, Blackouts im Stromnetz, Euro- und Bankencrash werden vermutlich nur noch wenige Menschen für das Klima hüpfen.

Smart Investor: Herr Unger, haben Sie herzlichen Dank das Gespräch.

Interview: Ralf Flierl, Ralph Malisch

Dieses Interview erschien zuerst im Smart Investor, Sonderbeilage "Schöne neue Welt" Januar 2020